Überblick -
Einleitung

Der Wiener Aktionismus ist, bzw. war ein künstlerisches Konzept, dessen Ziel eine Art von Gesamtkunstwerk war. Die Aktionisten verbanden bildnerische, musikalische, literarische, philosophische, darstellende Elemente - und speziell Nitsch auch Geruch und Geschmack zu einem Werk, das die Sinne der Zuschauer, die auch Akteure sein konnten, ansprach und dadurch geeignet war, vorwiegend schwer beschreibbare und versteckte, verpönte oder tabuisierte Emotionen freizulegen.

Die Wurzeln einer Kunstrichtung bestimmen zu wollen, ist ein zwiespältiges Unterfangen, denn eine solche Betrachtung muß sich von den individuellen Biographien der einzelnen Künstler abheben. Das würde aber bedeuten, daß die Einzigartigkeit der Kunst jedes Einzelnen nicht anerkannt werden könnte. Ich riskiere diese Mängel trotzdem, denn diese Darstellung kann nur kurz sein.

Künstler wie Günter Brus, Otto Mühl, Hermann Nitsch, Rudolf Schwarzkogler und die vielen anderen Aktionisten hatten verschiedene, manchmal aber auch ähnliche Gründe für den Aktionismus. Aber alle sind Kinder ihrer Zeit. Wären sie davor oder danach geboren, sähe ihre Kunst anders aus, denn sie wären in ein anderes politisches und künstlerisches Klima gefallen. So trafen die Ambitionen der Aktionisten in ein höchst konservatives, katholisches und konfliktscheues Nachkriegsösterreich, in dem die öffentliche Meinung noch schwer belastet war vom Chaos des Krieges und der damit verbundenen noch nicht möglichen konsequenten moralischen und politischen Aufarbeitung der NS-Zeit.

Die internationale Kunstszene (vgl. etwa Nuys-Henkelmann 1987, 37; 41-44 u. Richter 1990, 24f) zeigte zu Anfang der Sechziger eine Art von Kunst, die neu und provozierend war. Beispielhaft war die 1960 vom Pariser Kunstkritiker Pierre Restany gegründete Gruppe ‘Nouveau Réalisme’, zu der etwa Daniel Spoerri mit seiner Eat-Art, Arman und dessen Poubelles, Martial Raysse, Yves Klein, César, Raymond Hains, François Dufrêne, Jacques Villéglé, Christo oder Jean Tinguely zählten. Der Nouveau Réalisme stand in der Tradition des Dadaismus und war gleichzeitig eine Weiterentwicklung.

Die neue Protestkunst machte als ‘Happening’ in allen Kunstbereichen Mode und erregte Aufsehen, vor allem, wenn es um Kritik gegen die Sexualmoral und die möglichst unauffällige Rolle der Frauen ging (Die Chellistin Charlotte Moorman spielte barbusig, der schwedische Spielfilm Das Schweigen von Ingmar Bergman löste wegen eines tatsächlichen Geschlechtsverkehrs heftige Diskussionen aus.)

In Österreich formierte sich bald nach dem Krieg der ‘Artclub’ (vgl. etwa Rühm 1992, 13-36), in dem sich Literaten, Komponisten und andere progressive Künstler austauschten und zusammenarbeiteten. Nach Verschiebungen, Abgrenzungen und neuen Einflüssen bildete sich die Wiener Gruppe, deren Mitglieder Friedrich Achleitner, H. C. Artmann, Konrad Bayer, Gerhard Rühm und Oswald Wiener und andere in wechselnden Besetzungen zusammenarbeiteten. Gemeinsam veranstalteten sie 1958 und 1959 zwei Literarische Cabarets, die eine Art von literarischem Happening-Abend gewesen sein dürften - den Begriff ‘Happening’ gab es zu dieser Zeit allerdings noch nicht. Die Wiener Gruppe triftete Anfang der Sechziger auseinander. Einige gingen nach Berlin, das zu dieser Zeit für Künstler eine große Anziehungskraft ausübte. Einige Mitglieder der Wiener Gruppe prägten die aktionistische Seite der Veranstaltungen weiterhin. Ein größerer Kreis von Künstlern stand über die Jahre hinweg in Kontakt. Die erste gemeinsame, spektakuläre Veranstaltung war 1967 Zock in Wien, deren Teilnehmerliste einige Größen des Aktionismus beinhaltet und benachbarte und befreundete Künstler miteinschließt: Christian Ludwig Attersee, Wolfgang Bauer, Gunter Falk, Otto Kobalek, Otto Mühl, Hermann Nitsch, Reinhard Priessnitz, Gerhard Rühm, Dominik Steiger, Peter Weibel und Oswald Wiener.

Mit Zock sind wir schon bei den Höhepunkten des Aktionismus. Diejenigen, die zum Kern des Wiener Aktionismus zählten, hatten zu dieser Zeit bereits eine bewegte künstlerische Vergangenheit hinter sich. Sie kamen von der Malerei, ihre Vorbildung und Vorbilder kamen aus dem Abstrakten Expressionismus, dem Tachismus, dem Nouveau Réalisme und dem Informel.

Die im Jahr 1954 von Msgre Otto Mauer gegründete Wiener Galerie St. Stephan (Kruntorad 1990, 51f) wurde zum österreichischen Zentrum des Informel, jener Kunstrichtung, die in die Malerei neue Materialen - Textilien, Sand, Kunststoffreste, Fundstücke etc. - eingeführt hatte. Msgre Otto Mauer war nicht nur Domprediger, Leiter der Katholischen Aktion und Herausgeber der Zeitschrift ‘Wort und Wahrheit’, er war auch Mitglied des bereits genannten Artclubs. Zu der österreichischen Informel-Gruppe zählten Wolfgang Hollegha, Mickl und Markus Prachensky, später auch Arnulf Rainer. Sie waren zu dieser Zeit die österreichische Avantgarde schlechthin.

Aber auch vor dem Theater machte die Avantgarde nicht halt (Kruntorad 1990, 55f). 1959 wurde in Wien das Theater am Fleischmarkt’ gegründet. Die beiden meinungsführenden Wiener Kritiker Friedrich Torberg und Hans Weigel erreichten mit ihrer starken Ablehnung, daß das Theater schon nach drei Monaten wieder geschlossen werden mußte. Vor der endgültigen Schließung veranstalteten Georges Mathieu und Markus Prachensky noch eine Aktion, bei der kübelweise rote Farbe verschüttet wurde - und damit schon sehr stark an Hermann Nitschs Aktionen erinnert.

Hermann Nitsch, Otto Mühl, Rudolf Schwarzkogler und Günter Brus sind diejenigen, die als die ‘Wiener Aktionisten’ bekannt wurden. Ihnen ist ein tiefes philosophisches und künstlerisches Interesse gemeinsam. Einzeln, zu zweit oder mehr, auch mit weiteren Bekannten führten sie im Lauf der Sechziger Aktionen in verschiedenen Ausrichtungen durch. Ihre künstlerischen Vorlieben sind allerdings verschieden. Während Hermann Nitsch vorwiegend mit Blut und geschlachteten Lämmern arbeitete, machten die anderen vor allem ihren eigenen Körper zum Kunstwerk. Verschiedene Arten der Selbstverstümmelung, auch bis dahin nicht zu Kunst gewordene menschliche Alltäglichkeiten wie Urinieren und Darmentleerung (Brus), oder mehr oder minder obszön Triebhaftes, wie sadomasochistische Praktiken und Manipulationen der Geschlechtsorgane (Mühl) wurden in Aktionen eingebunden. Bei Schwarzkogler, dessen Aktionen nicht öffentlich waren, dominierten die Farben blau und weiß.

Der Höhepunkt des Aktionismus war eine Veranstaltung Anfang Juni 1968 in der Uni Wien. Der Sozialistische Österreichische Studentenbund (SÖS) hatte Oswald Wiener zu einem Diskussionsabend zum Thema Kunst und Revolution eingeladen. Wiener brachte Günter Brus und Otto Mühl mit seiner Gruppe mit, die aus dem Diskussionsabend eine folgenreiche Aktion machten. Eine besondere Rolle spielten dabei die Medien. Es kam zu Verurteilungen, Günter Brus floh nach Berlin.

Hermann Nitsch ist der einzige der vier Aktionisten, der noch heute Aktionen plant und durchführt. Sein großes künstlerisches Konzept, das aus den Aktionen der Sechziger hervorgegangen ist, ist das ‘Orgien Mysterien Theater. Er ist ein international angesehener Künstler, dessen Ausstellungen aber noch immer Anlaß zu heftigen Diskussionen sind.

Günter Brus ist heute Schriftsteller und Maler. Otto Mühl gründete eine Kommune. Sein Ziel war, Kunst und Leben zu vereinen. Über viele Jahre hinweg dürfte die Kommune gut funktioniert haben, sie führte aber mit der Zeit dazu, daß die Gemeinschaft ‘entgleiste’. Mühl wurde wegen Verführung Minderjähriger zu einer umstritten langen Haftstrafe von sieben Jahren verurteilt. Rudolf Schwarzkogler starb 1969 mit 28 Jahren, nachdem er sich aus dem Fenster seiner Wohnung in Wien gestürzt hatte.

Die Liste der zeitweilig Beteiligten und Initiatoren des Wiener Aktionismus wäre lang. Zu ihnen zählten etwa Valie Export, Adolf Frohner, Peter Weibel, Oswald Wiener und Kurt Kren, um nur einige wenige zu nennen.

Seit bald drei Jahrzehnten erregt der Aktionismus die Gemüter der Österreicher und des Auslands, wenn die Diskussion auch zeitweilig aus der Öffentlichkeit verschwand, bzw. verschwindet. Wo der Aktionismus auftaucht, etwa in Form einer Ausstellung von Hermann Nitsch, lebt die Kritik wieder auf.

Meine Arbeit soll, wie ich hoffe, einen Beitrag dazu leisten, den Wiener Aktionismus aus einem Blickwinkel betrachten und beurteilen zu können, der ein wenig in die Tiefe geht.